- Lieber graue Truppe als Zauberlehrlinge -
Gastkommentar
- Reformen in Deutschland und Frankreich
- von Bertrand Benoit
- Wen immer man heute auf Deutschlands Straßen
befragt - die Antwort wird lauten: Politikern sei nicht zu trauen. Das
Mißtrauen gegenüber der eigenen Regierung, so scheint es, wird immer
größer. Das eintägige Kolloquium, das die Alfred Herrhausen
Gesellschaft, die "Welt am Sonntag" und Deutschlandradio Kultur in der
kommenden Woche (am
- 16. März) zu dem Thema in Berlin veranstalten
werden, zeugt von der wachsenden Sorge. Deutschland mag zwar nicht
Europas charismatischste Führung haben, seine politische Klasse aber gehört
zu den aufgeklärtesten des Kontinents. Schauen wir uns
Frankreich an und drei Schlüsselmomente in seiner Wirtschaftspolitik: die
Erhöhung der
- öffentlichen Ausgaben 1981 durch François
Mitterrand, die Entscheidung der sozialistisch geführten Regierung von 1998,
die 35-Stunden-Woche als bindend einzuführen und nun der Schachzug
Dominique de Villepins, durch die Zwangsfusion von Suez und Gaz de France
einen nationalen Energie-Champion zu kreieren. Den drei Maßnahmen
sind zwei Dinge gemeinsam: Sie sind unorthodox und entweder schon
gescheitert oder werden es tun.
- Mitterrands keynesianische Politik hat zwar die
Nachfrage angekurbelt, aber auch zu Kapitalflucht, Inflation, Haushalts-
und Handelsdefiziten geführt. Obwohl die 35-Stunden-Woche Frankreich in
eine Nation von Aquarellmalern und Hobbydekorateuren verwandelte,
hat sie kaum einen Arbeitsplatz geschaffen; und de Villepins
Industriegeschöpf wird sich als ebenso erfolgreich wie Dr. Frankensteins
Monster erweisen. Es ist erstaunlich, wie wenig Kritik an der französischen
Führung laut wird.
- Wenn Wladimir Putin Rußlands Energievorräte an
sich reißt, herrscht Empörung. Aber bei de Villepins
protektionistischem Industrie-Experiment, das nach einer
Wiederverstaatlichung von Suez aussieht, zuckt kaum eine Augenbraue. Ebenso hat
es keinen gestört, als Finanzminister Sarkozy Frankreichs
Einzelhändler zwang, die Preise
- einzufrieren. Macht das der Argentinier Nestor
Kirchner, ist Europa in heller Aufregung.
- Warum neigen französische Politiker zu
ökonomischen Wundermitteln? Ein Grund ist die kulturelle Tendenz, den ästhetischen
Qualitäten theoretischer Modelle zu verfallen. Die mögen zwar
auf dem Papier reibungslos funktionieren, haben aber wenig mit
dem realen Leben zu tun. Der zweite Grund ist fehlender politischer
Mut, unpopuläre
- Rezepte zu verordnen, d. h. Reform der Steuer- und
Sozialsysteme, Privatisierung von Bahn und Post, Liberalisierung
des Arbeitsmarktes, Reform des öffentlichen Dienstes sowie die
Entmachtung der mafiaähnlichen Gewerkschaften. In diesem Licht
besehen, ist es schwer, die Ungeduld der Deutschen zu verstehen. Deutsche
Politik hat viel
- mehr Rückgrat, ist fester in der Wirklichkeit
verankert und ökonomisch bewanderter als die französische.
- Viel ist geschrieben worden über die
Sozialdemokratisierung der CDU. Doch diese neue Entwicklung sollte nicht
verhüllen, wie weit die SPD unter Gerhard Schröder sich
"christdemokratisiert", sogar "freiliberalisiert" hat. Abgesehen von
Labour in England hat sich keine andere Sozialdemokratische Partei in Europa
einem derartigen
- ideologischen Großputz unterworfen. Die meisten
sozialistischen Abgeordneten in Frankreich würden eher Harakiri
begehen, als auch nur daran zu denken, ein Zehntel der Agenda 2010
umzusetzen. Kein französischer sozialistischer Arbeitsminister
hätte das Renteneintrittsalter um zwei Jahre erhöht wie
jetzt Franz Müntefering.
- Abgesehen von ein paar technischen Fehlern
bedeuten Schröders Realismus und Angela Merkels Pragmatismus schon in
der Opposition, daß Deutschland viel weiter gegangen ist als seine
westlichen Nachbarn, sein Sozialversicherungssystem zukunftssicher zu
machen und den Arbeitsmarkt von Hemmnissen zu befreien, die
Arbeit und Einstellungen verhindern.
- Kanzlerin Merkel wird diesen Weg der "kleinen
Schritte" fortsetzen und in diesem Jahr sowohl die Einnahmeseite des
gesetzlichen Krankenversicherungssystems grundlegend verändern
als auch einen geförderten Niedriglohnsektor schaffen.
- Die Kehrseite einer derartigen programmatischen
Konvergenz ist natürlich, daß die Wahlen für CDU/CSU und SPD
immer schlechter ausfallen - da beide denselben politischen Markt
besitzen. Zudem beschränken das Wahlsystem und seine lähmenden
föderalen Institutionen die reellen Chancen, Ideen in Taten umzusetzen.
Obwohl ich als
- Journalist die Farblosigkeit deutscher Politiker
beklage, würde ich als Bürger mein Schicksal lieber dieser grauen
Truppe anvertrauen als den Zauberlehrlingen jenseits des Rheins. Der
Autor ist Leiter des Berlinbüros der britischen "Financial
Times"
- Artikel erschienen am Do, 9. März 2006