Sie werden als "odd couple", ein äußerst
seltsames Paar, in die Geschichte der Integrationspolitik eingehen:
Staatsministerin Maria Böhmer (CDU), Tochter einer pfälzischen
Weinbauernfamilie,
Pädagogikprofessorin und engagierte Katholikin, und
ihr französischer Amtskollege Azouz Begag, ein Kind algerischer
Einwanderer aus einer der berüchtigten Vorstädte Lyons, der seinen Weg als
Ökonom, Soziologe und Romanschriftsteller machte. Berlins Schauerbezirk
Neukölln, mit seinen 100 000 Migranten, von denen fast die Hälfte
arbeitslos ist und wo jeder dritte von Transferleistungen lebt, wird
Begag dennoch wie die Sesamstraße vorgekommen sein. Hier haben keine
Autos gebrannt, hier gab es keine Massenschlägereien mit der Polizei,
und hier stehen sogar noch funktionierende Telefonzellen. Begag war im
Schlepptau seines Innenministers Nicolas Sarkozy gekommen, um an
der deutsch-französischen Integrationsinitiative
weiterzuarbeiten, die Bundeskanzlerin Merkel und der französische Staatspräsident
Jacques Chirac im Winter 2005 beschlossen hatten.
Mit großem Interesse ließ sich Begag, der während der
Straßenunruhen nicht ein einziges Mal offiziell in den
Vorstädten
aufgetaucht war, das Nachbarschaftskonzept erklären, mit dem
die
Neuköllner unter ihrem zupackenden Bezirksbürgermeister Heinz
Buschkowsky
(SPD) die Verbrechensrate im letzten Jahr um ein Drittel gesenkt
haben. Es besteht, kurz gesagt, darin, daß sogar
auf dem überschaubaren Rollberg-Kiez 38 Beamte
patrouillieren, nicht im
Streifenwagen, und nicht auftretend wie die gefürchtete
französische
Sicherheitstruppe CRS, sondern mit jemandem vom Jugendamt
oder vom
"Quartiersmanagement" im Schlepptau.
Dessen Sprecher, Gilles Duhem, der dem Gast die
Neuköllner Lage auf Französisch darlegen konnte, erklärt, daß ohne die
enge Verzahnung zwischen Polizei, Schulleitung, Elternbeirat und
Behörden überhaupt keine Chance bestünde, mit den sehr, sehr
"bildungsfernen" Einwanderern aus Anatolien oder einem
palästinensischen Flüchtlingslager vernünftig zu verhandeln. "Der
Staat muß kohärent
auftreten, mit einer Stimme sprechen. Früher wurden
die einzelnen Institutionen immer gegeneinander ausgespielt: Sozialarbeiter
gegen Polizisten, Lehrer gegen politische
Entscheidungsträger." Duhem hält die Debatten über den Islam als Integrationshindernis
für steril : "Nicht der Islam ist die Hürde, sondern die Art,
wie er von einer kleinen Gruppe konservativer Muslime skrupellos
instrumentalisiert
wird, um ihre Macht über andere, eingeschüchterte und
oft wenig gebildete Glaubensbrüder zu sichern." Mit
ehrenamtlichen Helfern aus dem deutschen Mittelstand hat man hier beste
Erfahrungen - den gibt es nämlich durchaus auch noch.
Was die Bildung betrifft, trägt man sich in Neukölln
mit besonders avancierten Ideen: Warum nicht den Einwandererkindern
einen Vorsprung verschaffen, in dem man sie Chinesisch lernen läßt?
Bis sich diese Idee realisieren läßt, arbeitet man auf der
Regenbogenschule in erster Linie mit Kunst: "Bei uns können Kinder mit
Sprachdefiziten sich ausdrücken und Erfolge erzielen", berichtet
Schulleiterin Böhmer. Inzwischen werden durch Einführung der
Unterrichtssprache Französisch auch Eltern angezogen, "die etwas auf sich
halten", und die ihre Kinder auch aus besseren Stadtteilen nun nach Neukölln
schicken.
Für eine Begehung der DiTip- Moschee am Columbiadamm-
"dem Stolz aller Neuköllner" (Baustadträtin Vogelsang) - blieb
beim Ortstermin keine Zeit. Man ließ es sich aber nicht nehmen, bei
"MaDonna Mädchenkult.Ur.e.V." vorbeizuschauen, wo Graffiti
und Plakate unzweideutig klarmachen, worüber hier geredet werden
soll: "Wer entscheidet, wen du heiratest", heißt es da
beispielsweise auf einem Plakat, auf dem ein Mädchen zwischen den
Schattenrissen ihres Vaters, Bruders, Onkels und ihrer Mutter zu sehen ist.
Um die Kampagne mit dem Plakat, auf dem zwei türkische
Jungens zwischen ihren Schwestern stehen und erklären
"Ehre ist: für die Freiheit meiner Schwester zu kämpfen" gab es
bereits einige
Turbulenzen. Mit 20 000 Stück war es in Umlauf
gebracht worden, und Saithan und Sinan, die beiden 17jährigen, sahen sich
plötzlich im Herbst 2005 mit dem von der "Tageszeitung"
ausgelobten "Pantherpreis" für Zivilcourage ausgezeichnet. Sie hatten aber
vergessen, ihren Eltern von der Sache zu berichten, die nicht amüsiert
reagierten, ebenso wie etliche Klassenkameraden. Als dann auch
noch die Autorin Necla Kelek die Laudatio halten sollte, kam auch bei
den beiden Teenagern Unruhe auf, zumal Schulkameraden die
Kampagne ebenfalls nicht ungeteilt begrüßten ("Sie dachten, wir
sagen, es ist uns egal, was unsere Schwestern machen").
Da klang es etwas steril, als der Geschäftsführer des
mit 1,5 Millionen Euro bezuschußten ebenfalls in Neukölln
ansässigen Arabischen Kulturinstituts erklärte, die Frage sei,
"ob man eine identitätsbewahrende Integration will oder eine
integrationsfördernde Identität."
Artikel erschienen am Fr, 17. Februar 2006